Kaffeonkel
Na? Auch kaffesüchtig?
Kaffee trinke ich länger als Bier. Und habe nie länger als einen Tag auf ihn verzichtet.
Früher1, als wir uns die Nächte in Medienlaboren und im frühen Internet um die Ohren geschlagen haben, literweise aus großen silbernen Kannen. Heute kleiner und schwarzer als Espresso.
Drei Espressi sind es im Schnitt. Mal schwarz, mal als Schweizer Melange mit ein Spritzerchen Kakao. Etwas, was es früher bei Lufthansa an jedem Gate kostenlos zur Frankfurter Zeitung gab.
Eine stille Sucht, die ich mit allen teile, die ich kenne.
Chapters
0:05 Einführung in die Kaffeewelt
3:10 Kaffee und Krimis
9:32 Die Reise zum Kaffee-Nerd
12:28 Kaffee und schlechte Laune
14:05 Nu mach ich mir n 2.
Ein Bekenntnis zum Druck
Ich bin ein Kaffeeonkel. Das ist kein Titel, das ist eine Diagnose. Es ist die Wahrheit, die mir jeden Morgen erstellt wird, bevor die erste Tasse meine Synapsen flutet. In dieser Episode habe ich versucht, das in Worte zu fassen – 500 Zeichen Mastodon-Lyrik verlängert zu einem Audio-Manifest über die einzige Substanz, die ich mir jeden verdammten Tag zuführe - als Longo quasi. Bier? Kann ich lassen. Aber Kaffee ist das Benzin, das diesen Motor am Laufen hält.
Zornig dunkel und literweise
Erinnert ihr euch an die Zeit, als wir noch unsterblich waren? In den Medienlaboren der Neunziger, im “frühen Internet”. Da tranken wir keine “Notes of Apple and Rose”. Wir tranken Schlamm. Er kam aus riesigen silbernen Kannen, er war zornig dunkel und schmeckte im Abgang ein bisschen angebrannt. Wir haben ihn uns literweise in die Hälse gekippt, heiß und gnadenlos, wie das Leben selbst. Wir waren in unseren Zwanzigern, unsere Mägen waren aus Eisen, und wir brauchten diesen Treibstoff, um den Mantel der Müdigkeit zu zerreißen.
Heute ist alles kleiner, schwärzer, konzentrierter. Drei Espressi. Das ist mein Maß. Keine Milch. Um Himmels willen, keine Milch. Ich habe dieses ganze “Latte Fantastic”-Gedöns nie verstanden. Ein Dreiviertelliter weiße Babynahrung mit einem lütten Schuss Koffein? Das ist kein Getränk, das ist ekelhaft. Ich will den reinen Stoff.
Die italienische Verschwörung
In der Episode erzähle ich von meiner ersten Espressomaschine (die noch heute unseren Morgen startet). Ich stand bei diesen zwei wunderbaren Italienern in der Juliusstraße, umgeben von Chrom-Monstern, die so viel kosten wie eine Niere. Und ich fragte: “Was kauft man, wenn man pleite ist, aber das Leben italienisch starten will?” Und sie flüsterten mir zu, als würden sie mir Staatsgeheimnisse verraten: “Kauf ‘ne DeLonghi. Aber sag es nicht unseren Eltern”. Und genau das habe ich getan. Eine Maschine, die Wasser heiß macht und es mit Druck durch Pulver jagt. Mehr braucht der Mensch nicht. Kochendes Wasser, Druck, Erlösung. Die Alltagsvariante von Glaube, Liebe, Hoffnung.
Kommissare auf Entzug
Es gibt einen Grund, warum skandinavische Kommissare Kaffee trinken und deutsche Tatort-Ermittler Bier. Der Deutsche will betäuben, der Schwede will wach bleiben, um klar in den Abgrund zu schauen. Wenn ein Autor nicht weiterweiß, lässt er seinen Kommissar Kaffee kochen. Es ist das universellste Ritual des Universums. Nimm einem Menschen das Essen weg – er wird hungrig. Nimm ihm den Kaffee – und du hast eine Revolution. Nichts macht Menschen so aggressiv wie der Entzug ihrer Droge.
Hört euch die Episode an. Es ist ein Experiment. Ein Text, eine Stimme, eine Sucht. Und dann kommt rüber zu stpauli.social. Da gibt es auch für euch 500 Zeichen Platz, für eure kleinen Neurosen.
Aber erst mal: Kaffee. Schwarz. Jetzt.
Dieser Text erschien zuerst in meinem 500 Zeichen Blog. Wenn Dir dieses Format gefällt, dann bitte schicke mir kurzes Feedback. 500 Zeichen vorgelesen ist neu.


