Kontrast
Erst im Wandel sehen wir Konturen
Ha, der Untertitel klingt schon nach Substack, ätzt M., wird das jetzt ein Lifecoaching Blog hier? Millionär in Teilzeit und andere gut gemeinte Ratschläge, um selbst einer zu werden?
Ne. Auch wenn ich nix gegen ein passives Einkommen habe — für später mal (also, alle abonnieren jetzt bitte).
Heute geht's erstmal ums Wetter. Das ändert sich nämlich fundamental. Man könnte sagen: Ich hätte den Frühling aus Mallorca mit nach Hamburg gebracht. Von Minus elf auf plus 12 in gefühlten 24 Stunden. Das ist Kontrast pur.
Die Frühlingsgefühle, die mich heute morgen beim Durchlüften fluteten, hätte ich nicht, wenn wir (wie in HH üblich) die Westwinterlage schon seit Mitte Januar hätten. In normalen Jahren wäre ich jetzt auch am Ende meiner Kräfte. Der Februar ist zwar kurz, aber gemejn. (Seitdem wir beim FC St. Pauli einen ((leicht überforderten)) holländischen Stürmer haben, der Martijn heißt, schreibe ich gerne j statt i— M. sagt an guten Tagen, dass wir in Zeiten von OpenAI eigene Stilmittel brauchen, um unseren Text als menschengemacht quasi signieren zu können).
Wo war ich, ach ja Kontrast.
Gestern hat mir mejn Freund Christian (bei Namen kein J reinschmuggeln, Erijk!) die VIVA Doku im Ersten geschickt.
Mehr als 30 Jahre ist da der Start jetzt her — das nenne ich mal Kontrast.
Nicht nur sieht man vor der hell leuchtenden Jugendlichkeit aller Protagonisten, wie schrumpelig wir inzwischen geworden sind. Man beamt sich zurück in eine Welt, die noch übersichtlich war.
Das Fernsehen hatte noch Macht und Strahlkraft. Schon damals alte Finanziers ließen junge Dilettanten das machen, was ihnen gerade in den verkaterten Kopf kam.
In der Doku taucht der einzige Star, den VIVA je hervorbrachte als junges Mädchen auf, Heike Makatsch. Darauf, heute dort teilzunehmen, hat sie wohl royal verzichtet. Vielleicht Terminschwierigkeiten.
Ansonsten schießen lauter Erinnerungen ins Bewusste…
… dass ich Nilz Bokelberg in der 90er Fassung nicht mochte. Seitdem er bloggte aber schon. Heute mag ich ihn und seine Projekte sehr. Vielleicht durch den Kontrast zum Bokelbubi der 90er noch mehr.
… dass mein damaliger Chef, Christoph Post (erst VIVA, dann MME/MTV), angeblich die Emailadresse “Cyberjesus@aol.com” hatte, was anhand seines Aussehens und seiner Selbstwahrnehmung passend erscheint. Finde ich immer noch lustig.
… wie “schlecht” die Sendungen waren. Damit darfst du dich heute bei Youtube und TikTok nicht blicken lassen. Was ja schade ist. Spaß gemacht hat es nämlich. — Ok, nu werde ich auch traurig, weil ich bei einigen Freunden von damals den Kontrast zu heute nicht mehr sehen kann. RIP, Gero.
… wie merkwürdig die TV Medienmacher uns Internetvögel beäugten, sich lustig machten über die Briefmarken-großen Quicktimevideos, die wir in VH1.de einbetteten. (Der Sieg über die teilweise arrogante Art der TV-Kollegen uns ggü fühlt sich heute allerdings bitter an)
… wie toll ich das fand, die Held:innen meiner Jugend nun “Kollegen” nennen zu dürfen. Alan Bangs oder “die Reimann”, in die wir Heten heimlich verknallt waren.
… wie beeindruckt ich damals schon von Love Newkirk war. Die einzige von uns, an der ein Weltstar verloren gegangen ist.
… dass wir wirklich alle Freund:innen waren. Ist heute nicht mehr vorstellbar. Work-Life-Balance war 110% Life. Wir fingen um 10:00 Uhr an (frühestens, mein Kollege K. kam immer erst um 11) und gingen oft abends zusammen auf Konzerte oder spielten im LAN Worms bis tief in die Hammerbrooker Nacht.
… auch sichtbar wird im Kontrast der Jahrzehnte, wie normal Rassismus, Sexismus und alle anderen Ismen waren. Meine Meinung zu Stefan Raab wäre hier aufgeschrieben justiziabel, sein “Interview” mit Moses Pelham war schlimm. Also von mir nur soviel: Moses Pelham war früher und ist heute der mit Abstand coolere Hoschi. Coolness hat Stefan (ohne j) mutmaßlich am meisten getriggert.
… haha, gerade schiebt sich die Erinerung an das indische Restaurant in Norderstedt vor die Linse, in dem ich mal mit Raab verwechselt und nach einem Autogramm gefragt wurde. Ich war so baff, dass ich gar nicht sauer werden konnte. Ob mein Autogramm da immer noch hängt?
Aber das nur nebenbej.
… wie bei Bravo TV die liebevoll gebastelten Einsendungen wöchentlich (manchmal unangesehen) in einem Container vor meinem Fenster entsorgt wurden, macht mich heute noch traurig.
… und erinnert mich daran, dass ihr mir noch gar kein Feedback zu meinem Hamburg Weekly Letter geschickt habt…



Ein bißchen was Netteres als ausgerechnet die entsorgte "Feedback-Ecke" hätte Dir jetzt aber zu BRAVO TV schon einfallen können 🙂 ... bin bis heute ganz stolz auf das wir da in den ersten Jahren gemacht haben. Heike hat da ja auch moderiert. Als sie weg war (und Lutz und ich auch 😁), da kippte es dann allerdings.