Abpfiff
Regen auf offene Autodächer, Tränen am Millerntor, überall Wasser ...
Da ist sie wieder. Diese absolute Leere, die bleibt, wenn das Flutlicht ausgeht und der Regen die Tränen vom Gesicht wäscht. St. Pauli steigt ab. Es tut weh, jedes Mal aufs Neue, obwohl man es kommen sah. Das Endspiel gegen Wolfsburg war kein Klassekampf, es war nur das bittere Erwachen auf dem harten Boden der Realität. Wir sind eben doch in der zweiten Liga zu Hause, nu, da gehören wir vielleicht auch hin, ganz ohne die Eventfans und die Millionen-Arroganz. Der Schmerz sitzt tief am Millerntor, laut MOPO herrscht absolute Leere in den Gesichtern.
Schiete, das passt zur Woche. In der Altstadt stand tagelang ein sündhaft teurer McLaren 720S Spider im strömenden Regen. Das elektrohydraulische Dach halb offen, die Ledersitze volgelaufen wie eine alte Jolle. Hunderttausend Euro Schaden, schätzt die MOPO hämisch, während die sozialen Medien spotten. Und das Beste: Unter dem Scheibenwischer klemmte ein Knöllchen.
Wer die Woche versucht hat, mit der S-Bahn von Harburg zum Hauptbahnhof zu kommen, weiß, was echtes Elend bedeutet: Schienenersatzverkehr, Streckensperrungen, Chaos auf den Gleisen. Das Hamburger Abendblatt schrieb treffend von „Zuständen wie in Indien“. Der NDR zeigte Bilder von überfüllten Bahnsteigen, auf denen es teilweise sogar gefährlich eng wurde. Die Menschen drängten sich aneinander; man steht Schulter an Schulter, schaut stumm ins Grau und erträgt es.
Ich bekam diese Woche Post vom Bürgermeister. Peter Tschentscher persönlich wirbt per Brief in Hunderttausenden Haushalten für ein „Ja“ beim Olympia-Referendum Ende des Monats. Die Werbetrommel rotiert heiß, das Hamburger Tagesjournal seziert die tiefen Gräben, die quer durch die Generationen und Stadtteile gehen. „Mutig oder ängstlich?“ fragen sie vor der Abstimmung am 31. Mai. Vielleicht ist es einfach nur vernünftig, das Geld lieber in funktionierende S-Bahnen zu stecken als in fünf Ringe aus Gold.
Der Hamburger Schiedsrichter Patrick Ittrich hat am Samstag seine Pfeife an den Nagel gehängt. Das letzte Bundesliga-Spiel abgepfiffen, Schluss, Aus. Ein guter Kerdl, der laut Abendblatt zum Abschied klare Worte für die Herausforderungen auf dem Platz fand. Man merkt, wie die alten Gesichter gehen. Auf dem Platz, in der Stadt, überall.
Nächste Woche wird nicht besser. Die Gleise zwischen Hauptbahnhof und Harburg bleiben dicht, das Bahnchaos geht in die nächste Runde. Und die Diskussionen um die Ringe werden schärfer, je näher das Monatsende rückt. Wir werden weiter streiten, am Küchentisch, in der Kneipe, beim Bäcker.
Die Elbe fließt weiter, ungeachtet der Tränen am Millerntor und des Wassers im Luxusauto. Ein Frachter zieht raus Richtung Nordsee, die Tide läuft ab.
Manchmal muss man einfach loslassen können.
Und was macht der HSV?
Endlich wieder die Nummer 1 der Stadt. Nach Jahren der Stadtteildominanz ist die alte Hackordnung in der Stadt wieder hergestellt. Die Männer vom Volkspark strotzen vor Kraft. Klassenerhalt- check. Europa kann kommen 😉.

